January 18, 2012

In conversation with Urs Meier

Having been in charge of two World Cups, two European Championships, a Champions-League Final and seven semifinals of this - the world's most popular - league, Urs Meier belongs to the greatest referees ever. 
This week, he has answered a few questions on his personal experience as worldclass referee, on current issues in the world of football refereeing, the situation in Switzerland and the selection of the officials who will join EURO 2012 in an exclusive interview for which I sincerely want to thank Urs Meier.

(The interview was given in German, you might find a good translation here by simply inserting this post's link)

WoFR: Wie kam es eigentlich, dass Sie sich für eine Schiedsrichterlaufbahn entschieden haben?
Urs Meier: Da ich mit 14 Jahren realisiert hatte, dass ich meinen Traum, einmal im vollen San Siro (Giuseppe Meazza Stadion, wie es heute heisst) als aktiver Fußballer einzulaufen, nicht erreichen konnte, da meine technischen Fähigkeiten einfach nicht ausreichten, habe ich den Weg als Schiedsrichter genommen.

Zwei WM Teilnahmen, darunter ein Halbfinale; zwei Europameisterschaften; insgesamt sieben Halbfinalspiele der UEFA Champions League und schließlich, im Jahr 2002, wurde Ihnen die Leitung des Champions League Finales zwischen Leverkusen und Real Madrid übertragen.
Was war für Sie der bewegendste und der herausragendste Moment in Ihrer Karriere?
Sicher mein erstes WM-Spiel USA – Iran in Lyon, und zwar der Moment, wo beide Mannschaften sich gemischt aufgestellt hatten, der Welt damit Frieden, Gemeinschaft, Freundschaft demonstrierten und dann das Blitzlichtgewitter der Fotografen begann, welche in doppelter Menge da waren, da sich ja auch die politische Presse dafür interessierte. Dieser Moment, wo die ganze Menge kreischte, weil sie realisierte, dass in diesem Moment etwas Historisches passierte, dies sind die Momente, wofür es sich lohnt zu leiden, zu arbeiten, zu verzichten. Einfach wunderschön!

Heute leiten Sie die „Urs Meier Management AG“ (Ihre Frau scheint Sie dabei tatkräftig zu unterstützen). Wie sieht Ihr Engagement in diesem Bereich genau aus? 
Ich habe letztes Jahr meine Firma im Bereich Haushaltgeräte und Küchen (Mundart Küchen- + Haushaltgeräte) verkauft und widme mich voll und ganz meiner „neuen“ Tätigkeit im Bereich Ausbildung + Coaching, wo ich momentan vor allem Vorträge für renommierte Firmen halte. Doch sind weitere Ideen und Tätigkeiten im Köcher. Diese Geschäftsform gibt mir vor allem eine Freiheit, welche ich brauche.

Jahrelang wurden Sie u.a. von Rudolf Käppeli, Francesco Buragina – der vor zwei Wochen ebenfalls die Altersgrenze überschritten hat - und auch dem Tschechen Evzen Amler in großen Spielen begleitet. Was bedeutet Ihnen diese jahrelange Unterstützung? Haben Sie noch Kontakt zu Ihren damaligen Assistenten? 
Ohne gute, nein sehr gute Assistenten hat man im internationalen Bereich keine Chance, Erfolg zu haben. Deshalb gilt mein Dank auch immer meinen Assistenten, welche ich gerade in der Schweiz selber ausgesucht und ins Team integriert habe. Es entstanden daraus auch Freundschaften, welche ich natürlich auch heute noch pflege.

Urs Meier während der Berichterst. des ZDF (2006, Foto: welt.de)
Im Jahr 2005 sind Sie nach Überschreitung der Altersgrenze zurückgetreten. Doch das war für Sie nicht das Ende im Bereich des Schiedsrichterwesens. Nicht nur, dass Sie bis zum Juni des vergangenen Jahres der Chef der Schweizer Schiedsrichter waren und auch als Schiedsrichterbeobachter für die UEFA tätig waren. Sie haben außerdem durch eine erkenntnisreiche und humorvolle Berichterstattung gemeinsam mit Johannes B. Kerner und Jürgen Klopp Stimmung in die deutschen Wohnzimmer während der WM 2006 gebracht. Was für Erfahrungen haben Sie aus der Zeit nach der aktiven Laufbahn als Referee mitgenommen?
Viel Positives! Ich habe aber auch gesehen, dass wir uns im Schiedsrichterwesen nicht einigeln sollten, sondern offen, ehrlich, klar und auf Augenhöhe mit dem Umfeld (Spieler, Trainer, Vereinsführung, Fans, Medien etc.) auseinander setzen sollten. Wir sind nicht die Diener am Fussball, sondern ein wichtiger Teil davon.

Wie muss man sich die Arbeit in einem Schiedsrichterkomitee vorstellen, wie läuft die Erstellung von Schiedsrichteransetzungen ab? Inwiefern gibt es Instruktionen des Komitees an die Schiedsrichter? 
Bei  der Schiedsrichteransetzung ist Fingerspitzengefühl verlangt. D.h. Du musst für jede Partie den bestmöglichen Schiedsrichter nominieren. Nicht immer ist die Nr. 1 auch der Richtige für das Spitzenspiel, vielleicht ist es ein ganz anderer Kollege, der dafür prädestiniert ist. Da die FIFA-Regeln bestehen und die Weisungen vor einer Meisterschaft erteilt worden sind, ist es nicht mehr notwendig den Schiedsrichtern vor den Spielen Instruktionen zu geben. Dies würde sie eher noch verunsichern und dies ist nicht im Sinne des Erfinders.

Jeder deutsche Fußballfan, der die Weltmeisterschaft 2002 verfolgt hat, wird sich an die berechtigte Verwarnung gegen Michael Ballack im Halbfinalspiel erinnern, wodurch er im Finale gesperrt war. Darf einen Schiedsrichter so etwas auch nur ansatzweise tangieren? Ist einem Schiedsrichter dies überhaupt bewusst? Redet man darüber allgemein mit dem betroffenen Spieler einige Zeit später? 
Natürlich wusste ich, dass Michael Ballack vorbelastet war, wie übrigens noch andere Spieler. Da ich zu diesem Zeitpunkt schon etliche Rückrunden-Halbfinalspiele in der Champions League geleitet hatte, wusste ich auch, dass man in solchen Spielen die Messlatte für gelbe Karten sehr hoch ansetzen kann. Doch was darüber ist, ist darüber und das wissen auch die Spieler und Trainer. Deshalb gab es auch von Seiten Ballack oder des DFB nie eine Kritik an dieser gelben Karte. Mit Michael Ballack habe ich unterdessen schon oft gesprochen und auch für ihn war es nie eine Frage, diese Karte musste gezeigt werden, so wie er das Foul machen musste, da es sonst vermutlich 1:0 für die Südkoreaner gestanden hätte.

Englische Fußballfans machten Sie für das Ausscheiden ihrer Nationalmannschaft im Viertelfinale der EM 2004 verantwortlich. Die Nachwirkung dessen war immens. Sie erhielten zahlreiche Drohungen und wurden für einige Zeit unter Polizeischutz genommen. Ähnliches widerfuhr dem Schweden Anders Frisk und auch dem Norweger Tom Övrebö. Der deutsche Schiedsrichter Babak Rafati hat im vergangenen Herbst versucht, sich das Leben zu nehmen. Als Grund dafür führte er später den enorm gestiegenen Druck auf Schiedsrichter an, dem er nicht mehr standhalten konnte.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren? Was muss Ihrer Meinung nach passieren, um mit dem Druck, besonders mit dem medialen Druck, besser oder überhaupt umgehen zu können?
Ich denke, jeder dieser Fälle muss einzeln betrachtet werden und dabei denke ich vor allem an Babak Rafati, welchem ich einfach nur das Beste wünsche. Druck gehört im Spitzenfussball dazu, an die Grenzen zu gehen, schwierige Situationen zu meistern, schwierige Spiele gut zu leiten, das sind doch die Herausforderungen, welche ein Spitzenschiedsrichter braucht, so wie ein Bergsteiger auch immer auf höhere, schwierigere Berge will. Wichtig dabei ist, dass der Schiedsrichter dabei gesichert ist, d.h. das Seil sind die Verbände, welche den Schiedsrichter schützen müssen, wenn es einmal nicht so gut läuft, wenn er droht abzustürzen, dann müssen sie aktiv werden und sich im Grossformat vorne hinstellen. Dies passierte leider weder bei mir, noch bei Anders Frisk und auch nicht bei Tom Ovrebö.

Angesichts dieser Druckzustände, was soll einen Jugendlichen dazu bewegen, Schiedsrichter zu werden?
Genau diese Faszination: etwas Grosses zu erreichen, wie die WM, EM oder die Bundesliga. An solchen Aufgaben wächst man.

FIFA Präsident Blatter fordert, dass auch in Ländern wie Deutschland mehr Wert auf die Professionalität von Unparteiischen gelegt werden sollte. Zudem hat er angekündigt, dass bei der nächsten WM ausschließlich Profis zum Einsatz kommen sollen. Löst das die Probleme? Ist ein Schiedsrichter besser, wenn er Profi ist? Sie selbst leiteten parallel ein Haushaltsgerätegeschäft. Wie wichtig war Ihnen dieses zweite Standbein?
Der einzige Amateur im heutigen Profi – Fussball ist der Schiedsrichter! Gerade bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Champions League Spielen, aber auch in den grossen europäischen Ligen müssen Profischiedsrichter her. Ich bin schon sehr lange ein Verfechter der Profischiedsrichter. Diskutiert man heute noch darüber, ob ein Profifussballer bessere Leistungen bringt als ein Amateur? Könnte man sich einen Amateur Bundesligaverein vorstellen? Eine Nationalmannschaft, welche noch Amateur-Fussballer einsetzt? Nein und nochmals nein! Ein Profi bringt über die gesamte Dauer die besseren Leistungen und hat die grössere Akzeptanz. Es würde auch der Bundesliga gut anstehen auf Profischiedsrichter umzustellen, da sie zu den Top 5 Ligen der Welt zählt.

Wir alle erinnern uns an die Szene im WM Achtelfinale 2010 zwischen Deutschland und England, als der Uruguayer Mauricio Espinosa nicht sah, dass Lampards Heber die Linie deutlich überschritt. Laut der Regel muss sich der Schiedsrichterassistent aber auf Höhe des letzten Verteidigers befinden, wie kann er mit dem menschlichen Auge solche Situationen dann überhaupt beurteilen? Schreit dies nicht förmlich nach einem Einsatz von technischen Hilfsmitteln im Profifußball?
(Foto: (c) ursmeier.ch)
Nein, das menschliche Auge kann das nicht feststellen, dies habe ich danach mit Hilfe des ZDF auch sofort aufgezeigt. Deshalb bin ich auch hier schon lange (über 10 Jahre) ein Verfechter des Chip im Ball. Es kann doch nicht sein, dass in der heutigen Zeit die ganze Welt sieht, dass der Ball klar über der Linie ist nur die Schiedsrichter nicht? Tor oder nicht Tor ist ein schwarz-weiss Entscheid und kann mit technischen Hilfsmitteln überwacht werden, so wie dies auch im Eishockey schon seit Jahren praktiziert wird. Da diese Technik auch Kosten verursacht, bin ich der Meinung, dass sie vor allem bei grossen Turnieren und in den grossen Ligen eingesetzt werden sollte.

Bleiben wir bei der WM 2010. Nicht nur Jorge Larrionda, sondern auch Ihr Landsmann Massimo Busacca zählte zu den Favoriten auf das Finale, nicht zu vergessen Roberto Rosetti. Man muss es so drastisch formulieren, jeder wurde aufgrund nur eines Fehlers ihrer jeweiligen Assistenten von der FIFA nach Hause geschickt. Was halten Sie von diesem „Stand as team – fall as team“ Prinzip, welches die FIFA seit der WM 2006 fährt? Sie selbst haben ja durchaus noch mit ausländischen Assistenten zusammengearbeitet, bei der WM 2002 wurden indes noch die Trios gemischt. Halten Sie es folglich für sinnvoller, die Teams zu mischen, um somit flexibler zu sein und leistungsgerechtere Ansetzungen erstellen zu können?
Nein, ich bin klar der Meinung, dass es ein Team braucht, welches über eine längere Zeit miteinander arbeiten kann. Die Zeit,  in welcher man erst 24 Stunden vor dem Spiel die Assistenten zugeteilt erhielt, ist vorbei. Wir sollten uns in der Schiedsrichterei viel mehr an den Fussballteams orientieren, diese zeigen uns auf, wie man erfolgreich arbeitet. Man stelle sich vor, dass Messi auf einmal mit Schweinsteiger ein WM-Spiel bestreiten soll, ohne vorher miteinander gespielt  zu haben.

Zuletzt wurden besonders junge Schiedsrichter wie Viktor Kassai oder Cuneyt Cakir von der UEFA „gepushed“. Beide gelten als eher großzügige Schiedsrichter, die auch mal die ein oder andere Karte, die eigentlich fällig wäre, stecken lassen.
Eine Entwicklung zu mehr Persönlichkeit und weniger Regelbuch? 
Persönlichkeit ist und war immer das Wichtigste. Welche Schiedsrichter sind uns in Erinnerung geblieben? Nicht die Regelexperten, sondern die Spielleiter, welche eben ein Spiel leiten und nicht nur pfeifen. Die wichtigste Regel ist immer die Regel 18, der gesunde Menschenverstand. Doch darf man Grosszügigkeit nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln. Schutz der Spieler muss für einen Schiedsrichter immer an erster Stelle stehen.

Im vergangenen Dezember hat die UEFA die Schiedsrichter für die kommende EM veröffentlicht.
Dazu einige Fragen:

Von den Schiedsrichtern der letztem EM in Österreich und der Schweiz ist nur noch ein Hauptschiedsrichter übrig geblieben: Howard Webb. Zudem vervollständigen neben erfahrenen Unparteiischen wie Wolfgang Stark, Nicola Rizzoli und Viktor Kassai auch Neulinge wie Cuneyt Cakir oder Damir Skomina die Liste. Eine Trendwende der UEFA?
Eine Trendwende ist das nicht. Doch es zeigt auf, dass viele Nationen erkannt haben, dass sie in Sachen Schiedsrichterausbildung und Förderung etwas machen müssen. Gerade „kleinere“ Nationalverbände haben unglaubliche Anstrengungen unternommen um Ihre Leute an ein grosses Turnier zu bringen. D.h. aber auch für die „grossen“ Verbände und für die traditionell starken Schiedsrichternationen (wie z.B. die Schweiz), dass sie sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen dürfen.

Gibt es dann überhaupt so etwas wie einen erweiterten Favoritenkreis für das Finale?
Jedes Turnier hat seine eigene Gesetzmässigkeit, d.h. man muss zuerst einmal zwei, drei perfekte Spiele leiten und dann auch noch das Glück haben, dass diese Nationalmannschaften weiterkommen, welche man auch leiten darf. Was nützt es Wolfgang Stark, wenn er super pfeift (wie bei der WM in Südafrika) und Deutschland steht im Halbfinale?

Dieses Mal ist kein Schweizer Schiedsrichter dabei. Zwar ist Stephan Studer unter Beobachtung der FIFA, doch auch in der Schweiz gab es einige Umstellungen in der nahen Vergangenheit. Claudio Circhetta und Massimo Busacca sind zurückgetreten; mit Adrien Jaccottet und Stephan Klossner hat die Schweiz zwei junge Schiedsrichter auf der internationalen Liste.
Was kann das Schweizer Schiedsrichterwesen in der nahen Zukunft erreichen, was sollte das Ziel sein?
Wie bereits [vorher] gesagt, benötigt die Schweiz nun ein klares Profil, ein klares Zeichen des Verbandes, damit die Tradition der Schweizer Top-Schiedsrichter weitergehen kann. Mir fehlen oft diese Ziele für die Schiedsrichter von Verbandsseite. Bei jeder U-Mannschaft werden Ziele gesetzt, die Schiedsrichter werden sich selbst überlassen! Da die Schiedsrichter ein (wichtiger) Teil des Verbandes sind, sollten auch hier klare Ziele formuliert werden und alles Menschenmögliche unternommen werden, diese auch zu erreichen: Visionen ohne Taten sind Träume. Taten ohne Visionen ist verlorene Zeit. Visionen und Taten zusammen können die Welt verändern!

Sie selbst kennen die Situation, in der die auserwählten EM-Schiedsrichter sich jetzt befinden, nur zu gut. Was geht in einem vor?
Freude, Vorfreude auf ein grosses Turnier, auf tolle Spiele, auf eine geile Zeit! Man ist dabei, man hat es geschafft, man ist einer der „großen“ Schiedsrichter.

Abschließend noch eine Frage: was sollte sich im Profifußball und im Schiedsrichterwesen grundsätzlich ändern?
Fairplay! Denken vom anderen her! Was schade ich meinem Gegenüber mit meinem Handeln mit meinem Tun? Nur gemeinsam können wir das Produkt Fussball noch besser machen. Doch eines ist auch klar: wir sind die Unparteiischen. Spieler, Trainer und Funktionäre werden immer Partei sein. Wir sind auf einem gemeinsamen See, aber jeder in seinem eigenen Boot. 


Vielen Dank, Herr Meier, für diese erkenntnisreichen und ausführlichen Antworten!


(c) copyright: footballrefereeing.blogspot.com

3 Comments:

  1. Wow, darf mam fragen, wie du dieses Interview bekommen hast?

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  2. Klar :)
    Ich habe seine PR Managerin (seine Frau ;)) kontaktiert und ihr von meinem Anliegen berichtet. Sie schlug sogar vor, dass ich ein Telefonat mit ihm führen kann, aber da ich eine gewisse Distanz pfelgen möchte, haben wir uns auf einen schriftlichen Dialog geeinigt. Er hat auf die Fragen wie ich finde sehr detailliert geantwortet, ich fand es toll.

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  3. This comment has been removed by the author.

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